Schulzentrum Grenzstraße Bremen

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Aus dem Jahrbuch 2014/2015: Gutes Wetter ist kein Argument

Im April 2013 tauschte Werner Fabisch seine Schulleiterposition am Schulzentrum Grenzstraße gegen die gleiche Stelle am Colegio Humboldt in Caracas. Als die Interviewanfrage bei ihm eintraf, kam er gerade von einem Wochenendtrip aus dem Orinocodelta zurück, wo er die Tier- und Pfanzenwelt studiert und Piranhas verspeist hatte.

Herr Fabisch, wie ist das Wetter in Caracas?
Das Wetter in Caracas ist ideal, es wird am Tag selten kälter als 20 Grad und selten wärmer als 30 Grad und das 365 Tage im Jahr. Das kann man sich in Bremen sicher nur schwer vorstellen, aber hier ist immer Sommer.

War das schöne Wetter der Grund für den Weggang aus Deutschland?
Natürlich, das Wetter in Bremen ist ja kaum auszuhalten. Aber im Ernst, das Wetter hat natürlich keine Rolle gespielt, sondern ich wollte mir meinen Wunsch erfüllen, am Ende meiner aktiven Arbeitszeit noch einmal im Ausland zu arbeiten, noch einmal neue Erfahrungen zu machen und noch einmal eine neue Herausforderung zu haben.

Was ist das für eine Schule, die Sie leiten?
Das Colegio Humboldt ist eine private Schule, die von einer Stiftung getragen wird. Das heißt alle Schülerinnen und Schüler müssen Schulgeld bezahlen, aus dem sich die Schule finanziert. Zusätzlich wird die Schule aus Deutschland gefördert, und zwar sowohl durch Personal, wie ich zum Beispiel, aber auch durch Geld. Wir sind eine sogenannte anerkannte Deutsche Auslandsschule, an der das deutsche Abitur erworben werden kann. Viele unserer Schülerinnen und Schüler studieren nach dem Abschluss bei uns dann auch in Deutschland.

Wie unterscheidet sich die Schule von den Schulen in Deutschland, wie unterscheidet sie sich vom Schulzentrum Grenzstraße?
Colegio Humboldt in Caracas VenezuelaDas erste Unterscheidungsmerkmal habe ich ja bereits genannt, wir sind eine Privatschule und müssen unser Geld zum größten Teil selbst verdienen. Dabei konkurrieren wir mit vielen anderen Privatschulen hier in Venezuela. Ungewöhnlich ist sicher auch, dass es bei uns vom Kindergarten bis zum Abitur geht. Ich hätte nie gedacht, dass ich auch einmal einen Kindergarten und eine Grundschule leiten würde. Als Privatschule sind allerdings auch nur die Kinder der Eltern bei uns, die sich das leisten können, denn es ist recht teuer. Das finde ich eigentlich nicht so gut, denn ich denke, eine Schule sollte immer auch ein Abbild der Gesellschaft sein. Das ist bei uns sicher nicht der Fall. Es gibt zwar auch Stipendien, aber der Umfang ist doch eher gering.

Gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen Ihrer jetzigen und Ihrer ehemaligen Schule?
Natürlich gibt es die. Da bei uns das Abitur gemacht wird, unterliegen wir den gleichen Auflagen wie die Schulen in Deutschland, neben den Bestimmungen des venezolanischen Erziehungsministeriums haben wir auch die Auflagen des Bundes und der Kultusministerkonferenz zu erfüllen. Aber das ist formal. Viel interessanter ist, dass die Schülerinnen und Schüler in Deutschland und in Venezuela sich in vielen Dingen sehr ähnlich sind, es aber auch große Unterschiede gibt. Aber gerade das macht die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer interessant. Ebenso ist es für die venezolanischen Schülerinnen und Schüler interessant, wenn sie mit deutschen Lehrerinnern und Lehrern konfrontiert sind. Hier können beide Seiten viel voneinander lernen.

Es heißt, Caracas sei eine gefährliche Stadt. Nach Presseberichten liegt die Rate der gewaltsamen Tode einhundertmal höher als in Deutschland. Bekommt man davon im Alltag etwas mit?
Das ist leider richtig. In Caracas gibt es pro Monat mehr als 400 Morde, das ist eine Zahl, die in Deutschland kaum vorstellbar ist. Allerdings verteilen sich diese Morde sehr unterschiedlich auf einzelne Stadtteile und Bevölkerungsgruppen. Unser Risiko ist nicht so hoch, wie es diese Zahl erwarten lässt, trotzdem ist es erheblich höher als in Deutschland. Im Januar erst wurde ein deutscher Lehrer unserer Schule bei einem Überfall durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt. In so einem Fall ist man mit diesem Problem natürlich direkt konfrontiert und betroffen, das ist schon schlimm. Auch sonst gibt es im Alltag Verhaltensweisen, die für deutsche Verhältnisse gewöhnungsbedürftig sind, z. B. bewegen wir uns nach Einbruch der Dunkelheit aus Sicherheitsgründen nur noch mit dem Auto und auch an roten Ampeln wird dann nicht mehr gehalten.

Was unterscheidet ansonsten den Alltag in Caracas von dem in Bremen?
Das Leben ist anstrengender und aufwändiger. Gänge zu Behörden und Banken dauern noch länger als in Deutschland, die schlechte Versorgungslage führt dazu, dass es lange Schlangen vor den Geschäften gibt und man für bestimmte Produkte des täglichen Bedarfs lange anstehen muss oder sie gar nicht bekommt. Der Verkehr ist ziemlich chaotisch, zu den Stoßzeiten gibt es häufig kein Fortkommen mehr, Verkehrsregeln existieren zwar, aber keiner hält sich daran. Das Gute daran ist, dass man erkennt, dass es eigentlich auch ohne geht und wir in Deutschland manchmal die eine oder andere Regel haben, die eigentlich überflüssig ist.

Sie hatten in früheren Jahren bereits Auslandserfahrungen als Lehrer in Kolumbien und in der Bildungsadministration der Vereinigten Arabischen Emirate gesammelt. Ist das für die Aufgabe in Caracas hilfreich?
Das ist natürlich sehr hilfreich.  Durch meine Arbeit dort habe ich gelernt, dass die Menschen sich sehr unterschiedlich verhalten und dass es letztlich kein Falsch oder Richtig gibt. Das ist fast so wie bei Handys, die mit unterschiedlichen Betriebssytemen arbeiten, Android oder iOS oder irgend ein anderes, wenn man die Bedienung kennt, kann man damit umgehen, aber das muss man natürlich lernen und das lernt man am besten im Umgang damit. Und so ist das auch bei den ­Menschen.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie mit Ihrer Schule in den nächsten Jahren?
Der Schule stehen ganz schwierige Zeiten bevor. Der Vorfall im Januar, bei dem unser Kollege schwer verletzt wurde, hat dazu geführt, dass eine Reihe von Lehrerinnen und Lehrern gekündigt bzw. die Verträge nicht verlängert haben. Neue Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland zu finden ist sehr schwer. Die Probleme des Landes, die ich schon angesprochen habe, haben sich inzwischen auch in Deutschland herumgesprochen, viele winken da natürlich sofort ab. Da ist dann selbst das gute Wetter kein Argument mehr, mit dem man die Menschen überzeugen kann. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch diese Zeit durchstehen werden und dass das Colegio Humboldt, das im letzten Jahr sein 120-jähriges Jubiläum feiern konnte, eine Zukunft in Venezuela hat.

Was macht Caracas und Venezuela besonders lebenswert?
Das ist natürlich eine sehr heikle Frage angesichts der Dinge, die ich über die Sicherheit und die Versorgungslage hier im Land gesagt habe. Trotzdem habe ich meinen Schritt, nach Caracas zu gehen, nicht bereut. Ich habe hier viele freundliche und aufgeschlossene Menschen getroffen, die ihr Leben unter schwierigen Bedingungen meistern und dabei ihren Lebensmut und ihre Fröhlichkeit nicht eingebüßt haben. Davon können wir uns in Deutschland, wo wir doch sehr schnell zum Klagen neigen, durchaus eine Scheibe abschneiden. Ich arbeite hier mit vielen engagierten Lehrerinnen und Lehrern zusammen, mit denen die Arbeit Spaß macht, und ich lebe in einem Land, das eine großartige Landschaft und gutes Wetter zu bieten hat, womit sich der Kreis zur Eingangsfrage wieder schließt.

Das Interview führte Peter Hons

 

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